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Aus der Zeit gefallen – oder die Lüge vom Burn-out

Burn-out, ausgebrannt sein, ist derzeit ein riesen Thema in den Medien. Alle sind sie ausgebrannt: Skiflieger Sven Hannawald, Schalke-Trainer Ralf Rangnick, vermutlich auch das Sandmännchen. Den Anfang machte Miriam Meckel, Kommunikationswissenschaftlerin und Lebensgefährtin von TV-Journalistin Anne Will. Jedoch nicht, ohne danach ein Buch darüber zu schreiben: Brief an mein Leben. Ein Bestseller.

Fast könnte man denken, Burn-out sei in. Wie bitte? Ja, jeder, der etwas auf sich hält, hat ein Burn-out. Oder ist zumindest gefährdet und auf dem besten Weg dorthin. Arbeitet buchstäblich bis zum Umfallen. Haben Sie schon mal vom kosmischen Grundprinzip von Yin und Yang gehört? In unserer Gesellschaft und Zeit ist das Tun, das Machen, das Leisten sehr stark betont. Unser tagtägliches Streben, Abarbeiten, Stressen, Hetzen ist nichts anderes als Yang. Yang, Yang und nochmals Yang. Und was ist Yin? Der Gegenpol: Ruhe, Nacht, Schlaf, Lassen, Loslassen, Langsamkeit. Ein ausgeglichenes Universum geht davon aus, dass sich Yin und Yang die Waage halten und in etwa gleichmäßig verteilt sind. Sagen zumindest die alten Chinesen. Zu viel Yin bedeutet Lethargie – zu viel Yang auf die Dauer gesehen Burn-out. Yang ist das Feuer – Yin ist das Holz, das wir nachlegen müssen, weil das Feuer andernfalls irgendwann ausgeht. Früher oder später.

Zurück ins Hier und Jetzt. Wer täglich stresst, hetzt, von Termin zu Termin springt und keinen Ausgleich findet, wird krank. Das ist erwiesen. Die Depression ist mittlerweile eine Volkskrankheit, ein Burn-out fast schon Statussymbol für jemanden, der einfach wahnsinnig vieles geleistet hat. “Das Burn-out gehört zum erfolgreichen Berufsleben wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie”, schreibt Meckel in ihrem Buch. Ach ja? Hat uns das Burn-out tatsächlich so kalt erwischt? Oder haben wir etwa eine ganze Weile lang die Zeichen und Botschaften von Körper, Geist und Seele ignoriert. Sind sehenden Auges in die Katastrophe gerast. Oder wie war das mit den Ohrgeräuschen, damals, bei der Arbeit an diesem wahnsinnig wichtigen Projekt und monatelangen 16-Stunden-Tagen im Büro. Böse Zungen (diese Weicheier) nannten das doch tatsächlich Tinnitus. Oder diese immer wiederkehrenden Kreuzschmerzen? Die Migräne-Anfälle, die uns immer wieder buchstäblich zum Ruhen zwingen? War da was?!? Oder sind wir tatsächlich von heute auf morgen umgefallen und waren plötzlich ausgebrannt? Wohl kaum.

Und da wäre noch das Thema Verantwortung. Wofür übernehmen wir Verantwortung und wie viel. Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Wer sein Verantwortungsgefühl hauptsächlich auf den Job, die Familie, die Kinder – allgemein formuliert: die Aufgaben – konzentriert, macht die Rechnung ohne sich selbst. Was ein Fehler ist. Denn auf die Dauer gesehen macht uns das nicht ernsthaft zufrieden. Womit wir wieder beim „Holz nachlegen“ wären. Verantwortung muss also auch für sich selbst übernommen werden. Dazu gehört ganz selbstverständlich, Warnzeichen des eigenen Körpers, Traurigkeit, Unzufriedenheit nicht zu ignorieren, sondern sich für sich selbst angemessen Raum und Zeit zuzugestehen. Denn nur wer gut zu sich ist, kann letztlich gut zu anderen sein. Nur wer langfristig zufrieden und gesund ist, wird das Leben glücklich meistern und ein Gewinn für sich selbst, aber auch für alle anderen sein. Die müssen uns schließlich ertragen. Egal ob als Spitzenmanager, Hausfrau, Arbeitnehmer, Kreativer, Mutter, Vater, Opa, Oma …

Es ist ein Zeichen von erwachsener Reife, Vernunft und Weitsicht, rechtzeitig etwas für sich zu tun. Oder besser gesagt zu lassen: sein lassen, liegen lassen, weglassen, stehen lassen. Und wer immer noch denkt, dann bricht die Firma, wenn nicht gar das Wirtschaftssystem zusammen, der kann beruhigt werden: das Wirtschaftssystem gehorcht längst anderen Kriterien – die ich, trotz Weltwirtschaftskrise, Euro-Krise und Griechenland-Pleite, selbstverständlich noch voll und ganz durchschaue – Sie etwa nicht? Doch ich habe jetzt Wichtigeres zu tun, und zwar mein Yin pflegen. Daher werde auch ich jetzt etwas lassen: nämlich diesen Text. Und zwar so, wie er ist.

Und die gute Nachricht ist: die Welt dreht sich weiter …

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